
Besuchte Vorstellung: Premiere von "Les Dialogues des Carmélites" von Francis Poulenc am 28.03.2010, Bayerische Staatsoper München, Inszenierung: Dmitri Tcherniakov, Musikalische Leitung: Kent Nagano
Marquis de la Force: Alain Vernhes, Blanche de la Force: Susan Gritton, Chevalier de la Force: Bernard Richter, Madame de Croissy: Sylvie Brunet, Mére Marie: Susanne Resmark u.a.
"Poulencs Meisterwerk als religiöses Psychodrama" (Südkurier, 29.03.2010)
Zum erstenmal in ihrer Geschichte zeigte die Bayerische Staatsoper die "Dialoge der Karmeliterinnen", eine Oper aus dem Jahre 1957.
Süddeutsche Zeitung, 30.03.2010:
"Dennoch darf diese unaufgeregt stimmige Aufführung als der bisherige Höhepunkt der erst zweijährigen Staatsopernintendanz von Nikolaus Bachler gelten. Denn diese "Karmeliterinnen" sind in Musik und Szene stupend aufeinander abgestimmt. Musikchef Kent Nagano ist der ideale Sachwalter dieser formal glasklar gebauten und nie auf Sentiment erpichten Musik, die in machen Chorszenen dennoch das Leidenspathos eines Mussorgski zu revitalisieren weiß. Und Regisseur Dmitri Tcherniakov hört in jedem Moment auf diese Musik, statt sich durch den leicht geschwätzigen und durchaus auch katholisch reaktionären Text von Georges Bernanos ablenken zu lassen. Gerade weil die Bühne konkrete Assoziationen unmöglich macht, werden die großen Themen der "Carmélites" an diesem Abend kongenial erlebbar. Da stellt ein Stück die Frage nach dem richtigen Leben und Sterben - und ob es überhaupt ein richtiges Sterben und Leben geben kann."
Merkur-online, 29.03.2010:
"Alle diese Charaktere werden gespiegelt in dem traurig-aufmerksamen Blick von Grittons übersensibler Blanche, die sich schon unter größten Mühen von ihrem Vater (Alain Vernhes) und dem nervös übergriffigen Bruder (intensiv: Bernard Richter) befreien musste. Zusammen mit Nagano gelingt der Regie ein bis zum Äußersten gehendes, dennoch nie überzogenes Spiel von Menschen in Grenzsituationen. Der Eingriff in den Stückablauf am Ende ist allerdings stark: Statt des gemeinsamen Todesmarschs der Karmelitinnen, die den Märtyrertod geschworen haben, wenn eine neue Obrigkeit (vertreten unter anderem durch Ulrich Ress als Kommissar) sie an ihrem, wie sie meinen, gottgefälligen Leben hindert, zieht Blanche, in ihrer Schwäche plötzlich erstarkt (wodurch eigentlich?), die schwer keuchenden Schwestern aus einer Art Gaskammer, um dann als Einzige hineinzugehen und sich sprengen zu lassen.
Das ist vielleicht ein schöner Gedanke des stellvertretenden Opfers – hat aber nichts mit dem Stück und dessen auskomponierten Guillotine-Schlägen zu tun. Kent Nagano, durch die französische Kultur zuerst europäisiert und ihr bis heute ergeben, dirigiert die vielschichtige Musik von Poulenc, die zwischen Debussy, wunderbaren Kirchenchören, Tristans Englischhorn und ironisch spritziger Eleganz vieles verarbeitet, was einem Spätgeborenen zugänglich ist. Der Komponist wahrte dabei jedoch einen eigenen, gut anhörbaren, flüssigen Ton, den Nagano mit dem Staatsorchester und dem ausgezeichneten Chor sehr fein und sensibel artikuliert. Dmitri Tcherniakov jedenfalls, umjubelt und von wenigen schwach bebuht, soll bitte wiederkommen. Seine klare Theatersprache ist ein Gewinn. Dass man in diesen Wochen, wo es fortwährend um die Fragwürdigkeit von geschlossenen Systemen geht, hellwach auf Parallelen in diesem Stück reagiert, fügt dem Abend noch einen Schuss realer Aktualität zu."

