
Besuchte Vorstellung: Premiere des "Rienzi" von Richard Wagner am 24.01.2010, Deutsche Oper Berlin, Inszenierung: Philip Stölzl, Musikalische Leitung: Sebastian Lang-Lessing
Rienzi: Torsten Kerl, Irene: Camilla Nylund, Adriano: Kate Aldrich u.a.
"Achsenbruch des Bösen" (Die Zeit, 28.01.2010)
Zum erstenmal in ihrer Geschichte gab es eine Inszenierung des "Rienzi" an der Deutschen Oper in Berlin. Die Regie kürzte die Oper auf rund drei Stunden.
Frankfurter Rundschau, 26.01.2010:
"Die Ouvertüre ist große Stummfilmmusik. Durch ein großes, auf die Bühnenrückwand projeziertes Schwarzweißfilm-Fenster sieht man Wolken über die Gipfel einer karg-heroischen Hochgebirgslandschaft jagen. Davor sitzt er. In weißer Uniform, mit dem Rücken zum Publikum, in einem Sessel, sieht den Film, dirigiert die Musik und die Wolken mit seiner allmächtigen Hand und steigert sich in eine Pantomime, die die Musik interpretiert und ihre Affekte demonstriert: eine ordentliche Portion Mussolini, ein Schuss lateinamerikanischer Diktator, ein Quentchen Hitler, sehr viel Charles Chaplin und Tanz mit der Weltkugel.
Wagners suggestives Potpourri, von Sebastian Lang und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin mit klaren, forschen Konturen in den Raum gesetzt, liefert ein präzises und dramatisches Exposé des Herrschenwollens und Scheiternmüssens. Und auf diese thematische Konstellation haben Philipp Stölzl (Regie) und Mara Kurotscha (Co-Regie) den Rienzi zugespitzt. (...)
Und der Chor und Extra-Chor der Deutschen Oper liefert unter der Leitung William Spaulding eine große Leistung. Er ist hervorragend geführt, spielt ausdrucksreich und schafft stets eine ansehnliche und angemessene Ereignisfülle auf der Bühne, und er singt so wach und mit einer so bemerkenswert gestalteten Dynamik, dass er seine große Rolle vorzüglich ausfüllt."
Der Tagesspiegel, 26.01.2010:
"Dennoch gibt es Momente an diesem teils heftig befehdeten Premierenabend an der Bismarckstraße, die lohnen. Die Ouvertüre zum Beispiel, einziges Prunkstück der Partitur, bekannt aus Funk und Fernsehen, ein überwältigend süffiges Perpetuum mobile: Wie Stölzl sein gut gepolstertes Rienzi-Double (Gernot Frischling) hier vor einem Trichter-Grammophon sukzessive völlig außer sich geraten lässt, Räder schlagend, auf Tische springend und am Ende mit wackeligen Beinchen zum veritablen Weltraumsimulatorenflug ansetzend, Musik als Allmachtsfantasie – das erinnert natürlich an Chaplins „Großen Diktator“ und darf es mit dem Zitat ruhig aufnehmen. (...)
Überhaupt wird bemerkenswert musiziert. Der Chor (Einstudierung William Spaulding) leistet Großartiges, gerade im zweiten Teil, wenn sich die musikalischen Farben eindunkeln, das Geschehen sich bisweilen ins Piano duckt. Auch Sebastian Lang-Lessing im Graben macht seine Sache gut, lässt gleich in der Ouvertüre ein paar nagende Mittelstimmen an der Führer-Melodie kratzen – und das Orchester der Deutschen Oper folgt ihm gern. Gestalterisch fühlt er sich vielleicht noch nicht ganz frei, aber das ist bei diesem seltsamen Stück in dieser kruden Fassung eigentlich kein Wunder."
FAZ, 26.01.2010:
"Ob Richard Wagners frühe Oper „Rienzi“ einem Missbrauch zum Opfer fiel, als Adolf Hitler sie zu seiner Lieblingsoper erkor, oder ob es sich dabei um eine rezeptgerechte Anwendung handelte, ist das Thema von Philipp Stölzls Inszenierung, die am Sonntag an der Deutschen Oper Berlin Premiere hatte. Stölzls Antwort ist unumwunden und plakativ: „Rienzi“ ist in seiner Lesart - angefangen bei der übergreifenden Dramaturgie bis hinein ins sprachliche Detail - das Modell für Hitlers biographischen und politischen Entwurf. Stölzl denunziert das Werk als durch und durch faschistisch. Handwerklich virtuos, wirkungsvoll in ihrer Zuspitzung und Einseitigkeit, hat diese überhaupt erste szenische Produktion des „Rienzi“ an der Deutschen Oper das Stück sofort mit einem Volltreffer versenkt. Man könnte Stölzl den Mangel an Differenzierung, den Unwillen, die Kunst zu retten, mit allerlei guten Gründen zum Vorwurf machen. Aber sein Verzicht auf Halbherzigkeit, auf sparsam-verklemmte Gedenkkulturabgaben anderer Regisseure, ist doch erfrischend. (...)
Torsten Kerl war ein kraftvoller, deutlich deklamierender Rienzi, der bis auf eine kleine Heiserkeit im Gebet diese Tenor-Tortur wacker, durchaus mit Glanz durchstand. Die Partie der Irene, Rienzis Schwester, war wohl vom Regisseur etwas zu sehr auf dummes Blondchen mit Sennerinnen-Sexappeal gestutzt, als dass Camilla Nylund das Publikum hätte für sich einnehmen können. Gleichwohl hat auch sie sich mühelos und strahlend bis zum hohen Cis im Schlussduett mit Rienzi emporgeschwungen.
Kate Aldrich, auch schauspielerisch lebhaft zwischen Feigheit und Verwegenheit vermittelnd, wurde für ihre glühende, aber stimmschöne Bewältigung der Partie des Adriano am stärksten gefeiert - abgesehen vom Chor der Deutschen Oper, der prachtvoll auftrumpfte. Er hat durch diese den Hörer bestürmende Faszination für das Monumentale die Inszenierung Stölzls um eine wesentliche Zweideutigkeit bereichert und der Musik die Unschuld geraubt."
RBB - Kulturradio, 25.01.2010:
"Nur eine einzige, konzertante Aufführung des Werkes wird von der Deutschen Oper nachgewiesen (1980 unter Heinrich Hollreiser). Kein Wunder. Rienzi veranstaltet ein ziemliches Brimborium oder ist – ungeschützter formuliert – ein pompöser Quark. Zu Wagners Lebzeiten gehörte der Fünfstünder zu seinen meistgespielten Opern; was dem Komponisten ziemlich peinlich war. Er behauptete, er habe die französische Grand opéra "mit rückhaltloser Verschwendung" überbieten wollen. Das ist ihm gelungen.
Die Geschichte
um Aufstieg und Fall des "letzten" römischen Volkshelden im 14. Jahrhundert ist eine glatte Steilvorlage für Massenaufmärsche, plumpe Feste und tenorale Kraftmeierei. In der Aufführung der Deutschen Oper bleiben davon netto nur etwa 2 ½ Stunden übrig. Nicht etwa, weil die Aufführung vorzeitig abgebrochen worden wäre. Vielmehr kommt gerade dadurch, dass fast nur ein großer Querschnitt gegeben wird, der kapitale Erfolg dieses Abends zustande.
Für Regisseur Philipp Stölzl (Sohn des ehemaligen Kultursenators Christoph Stölzl) ist es ein schwer erarbeitetes Heimspiel. Der erste Teil wird von Buhs zerrissen. Schon die Ouvertüre illustriert Stölzl auf dem Obersalzberg. Der 2. Akt spielt in der Reichskanzlei, der Rest im Führerbunker. Stölzl erblickt in Hitlers Lieblingsoper das affirmative Porträt eines Diktators. Unterstellt aber gerade damit dem Werk ein Maß an Protofaschismus, das mir banal und falsch erscheint. (Rienzi ist bei Wagner eine Krisenfigur, kein Märtyrer, und wird eben deswegen vom Volk kläglich hingeschlachtet.) Nur setzt Stölzl seine diskussionsbedürftige These mit so viel Zugkraft und Bildwirksamkeit in die Tat um, dass man den Vorstoß doch honoriert. Die Aufführung steckt fast alles, was bisher in der Ära von Kirsten Harms neu herausgebracht wurde, locker in die Tasche.
Der starke Eindruck
wäre ohne vorzügliche Sänger unmöglich. Torsten Kerl als Volkstribun meckert anfangs kernig, unterstreicht aber die lyrischen Anteile der Figur und beweist erstaunliches Stehvermögen. (Macht wesentlich bessere Figur denn als Tannhäuser.) Vor allem sind die Frauenrollen mit Camilla Nylund und, mehr noch: Kate Aldrich (als Adriano) für Berliner Verhältnisse phantastisch besetzt. Nämlich nicht mit Wagner-Wuchtbrummen, sondern alert und schlank.
Da die vielen Prozessionen und Ballette gestrichen sind, bleibt’s vornehmlich eine Choroper. Leider ziemlich laut – meiner Meinung nach zu laut, aber deckungsgleich mit der Interpretation der Aufführung –, setzt der Chor den Bruch des Werkes in einen elegischen Tonfall hinein kongenial um. Das ist ein Kunststück und beweist, dass die Deutsche Oper heute nicht mehr dasselbe Haus ist wie vor zwei Jahren. Überhaupt ist der Abend ein ingeniöser Wagner-Liebesbeweis.
Sebastian Lang-Lessing (einspringend für Michail Jurowski) realisiert die musikalische Entwicklung innerhalb des Frühwerks souverän (die ersten Akte wurden noch in Riga komponiert). Während vor der Pause weberesk in die Breite gepinselt wird, so als handele es sich um einen aus dem Leim gegangenen Freischütz, motzen im 2. Teil Berlioz'sche Bombast-Effekte das Ganze völlig anders auf. Das Orchester der Deutschen Oper hört man nicht immer so entschieden und so charaktervoll. So wird die brisante, ja heikle Aufführung doch noch zu einer knackigen Angelegenheit.
Ich empfehle: Karten sichern! So schnell wird Rienzi nicht wiederkommen. Und so kurz sowieso nicht."

