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Besuchte Vorstellung: Premiere der "Lucrezia Borgia" von Donizetti am 23.02.2009, Bayerische Staatsoper München, Inszenierung: Christof Loy, Musikalische Leitung: Bertrand de Billy

Lucrezia: Edita Gruberova, Gennaro: Pavol Breslik, Don Alfonso: Franco Vasallo u.a.

"Der feinste Wahnsinn" (Frankfurter Rundschau, 26.02.2009)

Gift, Ehebruch, Mord und Inzest: Die Mischung für einen garantiert aufregenden Opernabend. Nicht zuletzt ein Kontrastprogramm zum Rosenmontag 2009....

Edita Gruberova gab ihr szenisches Rollendebüt als "Lucrezia". Publikum und Kritik waren gleichermaßen restlos begeistert.

 

Süddeutsche Zeitung, 24.02.2009:

"Lucrezia, mörderische Gemahlin des Herzogs D’este in Ferrara, bringt am Ende aus gekränkter Eitelkeit ihren Sohn Gennaro um, der erst seine Mutter als solche erkennt, als ihm schon das Gift in den Adern pulsiert. Der Mord am Sohnemann ist natürlich ein Versehen, sterben sollten nur seine Saufkumpane. (...)

Alle Vorstellungen waren schon vor der Premiere restlos ausverkauft. Der Grund heißt Edita Gruberova. Die Sopranistin gibt ihr Rollendebut an diesem Abend – und brilliert. Makellos ist der Gesang der Slowakin, hinreißend ihre Koloraturen. Leicht, klar und wunderschön klingt sie mit 62 Jahren - Gruberova ist ein Phänomen. (...)

Regisseur Christof Loy, der auch schon die Donizetti-Oper Roberto Devereux in München inszenierte, setzt auf eindrucksvolle Personenregie. Die Bühne von Henrik Ahr ist spartanisch gehalten - Möbelstücke, eine graue Wand, ein Lucrezia Borgia Schriftzug – was im Publikum geteilte Reaktionen hervorruft.

Die Vorstellung endet mit einem Jubelsturm. Gruberova, die "schillernde Großmutter" (Intendant Nikolaus Bachler), verzückt sie alle, die Jungen und vielen Alten, die Studenten und Honoratioren, selbst politisch Schwarze und Rote sind sich einig."

 

Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2009:

"Auch diesmal hat Loy die Rolle und die Interpretin auf einzigartige Weise zusammengeführt, und Edita Gruberova setzt sich der in jeder Hinsicht schwierigen Partie rückhaltlos aus. Im Vertrauen auf ihre phänomenale Technik, die Strahlkraft ihrer Höhe, die Fülle ihrer Mittellage, ihren endlosen Atem, ihre raffinierten Koloraturen, ihre unnachahmlichen Crescendi aus einem gehauchten Pianissimo heraus kann sie selbst härtere, fahle Töne als Ausdrucksmittel in ihr vielschichtiges Rollenporträt integrieren, und wenn man gegen Schluss Ermüdungserscheinungen wahrzunehmen vermeint, so macht das die eminente Kunstleistung Gruberovas nur desto menschlicher.

...so lässt Loy diesmal auf fast leerer Bühne vor einer grauen Wand mit dem riesigen Schriftzug «Lucrezia Borgia» spielen. Nur das rote Kostüm, das Lucrezia zu Beginn beim venezianischen Maskenball trägt, die Handwerkerkleider der Schergen und die verblassten Renaissanceroben der Festbesucher bringen etwas Farbe in den dominierenden Schwarz-Weiss-Kontrast (Bühne Henrik Ahr, Kostüme Barbara Drosihn). Dennoch entsteht keine Leere. Mit seiner elaborierten Personenführung macht Loy auch die Gruppenszenen spannungsvoll lebendig – stark schon die Eröffnung mit den lässig gelangweilt herumstehenden jungen Venezianern, die bei den Hasstiraden gegen die Borgia ihre Männlichkeit demonstrieren, indem sie die Kniehosen zu voller Länge ausrollen, erst recht eindrücklich aber, wie Loy im Schlussakt allein aus den Körperhaltungen und Bewegungen der Festbesucher Todesstimmung verbreitet. Folgerichtig bildet die Bühne zuletzt, nachdem die Wand immer weiter zur Seite geschoben worden ist, nur noch ein schwarzes Loch.

Mag die Verlagerung der äusseren Handlung in die Figuren da und dort zu Überzeichnungen führen (die Blutflecken auf den Hemden der Venezianer, Gennaros Folterwunden) – wie Loy im Prolog Gennaro und Lucrezia einander nahebringt, vergisst sich nicht. Da wird der Sohn für einen seligen Augenblick zum Kind, das sich von der tröstenden Mutter sanft das verletzte Knie streicheln lässt. Dass dieser Sohn von einem Sänger verkörpert wird, der nicht nur in seiner Erscheinung, seiner Gestik und Mimik jünglingshaft wirkt, sondern zudem über ein wunderbar frisches Timbre voller Schmelz und Leuchtkraft verfügt, das macht Loys Lesart des Werkes vollends schlüssig. Pavol Breslik heisst der neue Hoffnungsträger unter den lyrischen Tenören, und er stammt wie Edita Gruberova aus Bratislava.

Homogenes Ensemble

Hervorragend ist indessen auch Franco Vassalla, der als Don Alfonso nicht einfach mit baritonaler Kraft protzt, sondern dem hinterhältigen Herzog in Stimme und Darstellung nuancierte Facetten verleiht. Wenn es Alice Coote in der musikalisch attraktiven Hosenrolle von Gennaros Freund Orsini etwas an vokalem Glanz und Temperament fehlte, so dürfte das auf ihre Indisposition zurückzuführen sein. Insgesamt zeichnete sich die Premiere jedoch durch eine hochstehende, homogene Ensembleleistung aus, zu der die Chöre und das Orchester das Ihre beitrugen. Bertrand de Billys Dirigat wirkte zwar in der Gestaltung der klanglichen und rhythmischen Finessen nicht besonders profiliert, doch es hielt stets engsten Kontakt zu den Interpreten auf der Bühne und, wichtiger noch, zu den szenischen Situationen. So wurde dieser bejubelte Belcanto-Abend zum Plädoyer für eine Operngattung, die, richtig verstanden, weit mehr bietet als melodiöse Musik und die durchaus nicht so historisch ist, wie es ihr respektables Alter vermuten lässt."

 

Frankfurter Rundschau, 26.02.2009:

"Und da kann sich der Nachwuchs noch so sehr mühen: Edita Gruberová ist haargenau diese Primadonna. Vor allem ihre atemberaubenden Piani, die sie noch über jedes wogende Orchester, jeden losdonnernden Chor zu stellen vermag, sind ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn Edita Gruberová draufsteht, ist eben Wahnsinns-Koloraturbelcanto drin. Das sind mit der Stimme gestaltete Abgründe, ist Donizetti-Wahnsinn vom Feinsten. Aber Gruberová war nicht der einzige Edelstein im Stimmendiadem. (...) Es ist wunderbar und in jeder Hinsicht höchst Gruberová-kompatibel, wie der 30-jährige Slowake Pavol Breslik als schöner blonder Jüngling hier sein charismatisch betörendes Timbre verströmt. Sein Tod ist die Steilvorlage für den Wahnsinnsabgang der Primadonna, den Donizetti ans Ende gesetzt hat.

Auch sonst waltet in München der gebührende Stimmenluxus: ob nun die Mezzoeloquenz von Alice Coote als Orsini oder die edel-brutale Wucht, mit der Franco Vassallo den Alfonso ausstattet - überall Belcanto im schönsten Wortsinn.

Regisseur Christof Loy war Gruberovás Wunschkandidat. Er rettet das Stück mit einer ästhetisch schmerzfreien, allerdings auch oft erprobten nüchternen Diskursoptik vor dem Kostümschinken, macht daraus sogar einen halbwegs spannenden Thriller. Eine nüchterne Spielfläche mit ein paar Stühlen, für junge Leute in grauen Anzügen, mit Bösewichtern, die mal als Elektriker und dann als Renaissancejugend kostümiert herumlungern und bedrohlich tun. Die Rückwand von Henrik Ahrs Bühne wird vom Schriftzug Lucrezia Borgia beherrscht und ist nach dem Herunterreißen des B eine Verhöhnung der Fürstin."